Leben im Autismus-Spektrum

Viele Menschen mit Autismus-Diagnose sind Vorurteilen und Stigmatisierung ausgesetzt. Im Umgang mit Autist:innen gibt es laufend falsche Zuschreibungen, wenig Wissen, dafür viel Mitleid und große Unsicherheit. Betroffene wollen das ändern und machen sich öffentlich stark für ein mehrstimmiges Bild.
Jeder Mensch ist verschieden und wir alle erleben uns selbst und unsere Umwelt ein wenig anders. Wir haben Autistinnen und Autisten um einen Einblick in persönliche Erfahrungen gebeten.

Erich (16):

"Nicht alle Menschen sind gleich. Autismus-Spektrum bedeutet, dass man die Welt anders wahrnimmt.

Ich kann zum Beispiel manche meiner Gedanken sehen, wie ein Hologramm. Ich kenne mich sehr gut mit öffentlichen Verkehrsnetzen aus. Ich habe ein sehr gutes Ohr für Geräusche. Menschlichen Lärm mag ich nicht.
Ich komme gut damit klar, aber die anderen manchmal nicht.
"

Katja (35):

"Meine Diagnose war eine große Erleichterung! Ich nehme extrem viel wahr, das ist toll.

Ich bin extrem emotional. Das ist nicht immer einfach! Ich fühle viel zu viel im Leben. Ich habe ein sehr feines Gehör. Musik machen ist super, aber Lärm und Geräusche tun schrecklich weh.

Oft herrscht höchst komplexes Chaos im Gehirn, weil man so viel fühlt und wahrnimmt. Ich bin froh, zu sein, wie ich bin."

Alexander (25):

"Mir wurde erst im Erwachsenenalter diagnostiziert, dass ich im Spektrum bin. Trotz rückblickend eindeutig auffälligem Verhalten ist keiner meiner Lehrer in den Jahren von der Einschulung bis zur Matura auf den Gedanken gekommen, dass meine meist geminderte Leistungsfähigkeit nichts mit Faulheit zu tun hatte.

Nach der Diagnose verstehe ich mich selbst besser und habe endlich die Bestätigung und nicht nur die unsichere Vermutung, dass andere Menschen sich besser in ihren Leben zurechtfinden.
Ich kenne es nicht anders und versuche mittlerweile, Vorteile aus meiner anderen Wahrnehmung der Welt zu ziehen. Lehrer in Schulen sollten meiner Meinung nach zumindest über die Grundlagen von Autismus-Störungen aufgeklärt werden, damit Menschen wie ich frühzeitig und zielgerichtet gefördert werden können und ihnen somit hoffentlich zukünftig viele schlechte Erfahrungen erspart bleiben."

Nicole (38):

"Autismus-Spektrum ist für mich, wie hinter einer Glaswand zu leben und die Anderen zu beobachten, aber zu wissen, dass man nie Teil dieser Welt sein wird. Es ist, als hätte man einfach nicht den einen Schlüssel zur richtigen Tür.

Es ist für mich schwer, Freundschaft aufzubauen bzw. überhaupt mit anderen in Kontakt zu treten. Vergangene negative Erfahrungen und Mobbing haben sich zu einer belastenden Sozialphobie entwickelt.

Mich so zu akzeptieren, wie ich bin, ist für mich eine große Herausforderung. Ich wünsche mir von der Gesellschaft, dass Andersartigkeit als Bereicherung angesehen wird und nicht als Belastung.

Jeder hat das Recht auf einen Platz im Leben bzw. Berufsleben, indem er in seiner ganzen Vielfältigkeit akzeptiert, respektiert und wertgeschätzt wird."

Justus (10):

"Was ich besonders gut kann: Probleme lösen! In Mathe bin ich sehr gut. Früher war es manchmal so, dass mich Lehrerinnen und Lehrer nicht verstanden haben. Und mir war so oft langweilig in der Schule, dass ich nicht gut mitgemacht habe. Jetzt bekomme ich eigene Aufgaben.

Was ich nicht mag: Wenn ich etwas nicht verstehe, das mag ich nicht. Und Gewalt, die mag ich gar nicht und manchmal macht sie mich wütend. Zum Beispiel, wenn mich jemand schubst oder am Arm zerrt.

Und schreiben Sie bitte auch, dass ich ein Witzbold bin! Ich habe einen ganz neuen Witz erfunden: Meine beiden Freunde und ich, wir sind unzertrennlich. Außer, es ist eine Trennscheibe zwischen uns!"

Gregor (36):

"Ich bin überzeugt, dass jedes Lebewesen auf dem Planeten etwas Besonderes ist.

Wenn die Umstände gut genug sind, kann sich jeder in seiner genetischen Prädisposition bis zu einem gewissen Grad "normal" entwickeln. Es ist wichtig, dass es genügend Möglichkeiten gibt, um seinen eigenen Weg zu gehen, damit der Entwicklungsprozess kontinuierlich verläuft.

Wenn dies nicht der Fall ist, wird meiner Meinung nach alles zusammenbrechen. Ich wünsche mir, dass jeder die Möglichkeit hat, sich persönlich zu entwickeln und seine Wertvorstellung miteinander vereinen zu können, auch wenn Sie nicht der Norm entsprechen."

Elke:

"Warum ich mein Leben publik machen möchte, ist, weil ich anderen Betrofenen Mut machen möchte:

Steckt eure Köpfe nicht in den Sand - Nein, ihr habt genauso das Recht auf Leben wie jeder neurotypische Mensch auch. Wir, Asperger, oder kurz Aspis genannt, haben genauso ein Recht auf Arbeit, Studium und Selbstverwirklichung.
Wir brauchen keine Extrabehandlungen, nur ein wenig mehr Verständnis und Geduld für unsere 'Besonderheiten', um unser Leben bestreiten zu können. Wir möchten genauso am Leben teilhaben, trotz unserer Widrigkeiten. Nur, weil wir das Interesse an anderen 'Nicht –Autisten' nicht so deutlich ausdrücken können, heißt das nicht, dass wir gar kein Interesse haben, wir zeigen es eben nur anders."

Christian (37):

"Ich habe meine Diagnose Asperger vor eineinhalb Jahren bekommen. Seitdem kann ich sowohl meine eigenen Reaktionen und Vorgehensweisen besser verstehen als auch das Verhalten meiner Mitmenschen mir gegenüber.

Obwohl ich weiß, dass wir in einer zunehmend offener werdenden Gesellschaft leben, habe ich Angst davor, ausgegrenzt und abgestempelt zu werden, wenn ich meine Diagnose öffentlich mache.

Ich hoffe darauf, irgendwann diesen jetzt fehlenden Mut aufbringen zukönnen, da eine Gesellschaft aus unzähligen Facetten besteht und ich mich, mit all meinen Eigenheiten, als Bereicherung dieser sehe."

Menschen im Autismus-Spektrum sind alle unterschiedlich und einzigartig. Wenn man das verstanden hat, ist bereits ein großer Schritt getan.

Menschen mit Autismus brauchen ein Gegenüber, das sensibel dafür ist, dass sie ihre Umwelt anders wahrnehmen und soziale Prozesse und Begegnungen anders verarbeiten. Schätzungen sprechen von rund 80.000 Betroffenen in Österreich.

Dasein, unterstützen, stärken - das sind die drei wirksamsten Mittel, um den Bedürfnissen von Menschen mit Autismus zu begegnen.

 Autismus. Wie nimmst du die Welt wahr?