Leitbild und diakonischer Gedanke

Standortbestimmung und Herausforderung

Kommission für Diakonie und soziale Fragen, 4. Juli 2013

I. 
Kirche ist wesentlich diakonisch

Sie hilft, Leben zu bewältigen. Diakonie ist kein zusätzliches Arbeitsfeld der Kirche. Sie ist Bestandteil des Lebens und Wirkens der Gemeinde Christi.

II.
Diakonie ist eine Form kirchlicher Gemeinschaft

Christen teilen Freude und Leid, Hoffnung und Angst und erfahren Zuspruch und Vergebung; sie nehmen Anteil an Armut und Unterdrückung, an Krankheit und Not und kümmern sich umeinander in allen Lebensbezügen. 
Von der Verwaltung bis zur Liturgie gibt es keinen Bereich der Kirche, der nicht entscheidend von der diakonischen Dimension mitgeprägt wäre. Die diakonische Existenz der Kirche ist begründet in der Hingabe Christi. Diakonie geht vom Teilen am Tisch des Herrn aus und führt immer wieder zurück zum Tisch des Herrn.

III.
Diakonisches Handeln beginnt mit der Wahrnehmung von Not
 

Wie die erste Gemeinde in Jerusalem die Notlage der griechischen Witwen, Martin Luther die Verarmung durch Geldentwertung, Johannes Calvin das Flüchtlingselend in Genf, die Gräfin de La Tour das Elend der unehelich geborenen Kinder und die Brüder Ernst und Ludwig Schwarz die soziale Verelendung wahrgenommen haben, so müssen auch wir die allgemeine soziale Lage und die spezifischen Nöte bestimmter Gruppen und Menschen genauso konkret entdecken und benennen. 
Diakonie ergreift die Option für die Armen und die vielfach Verwunderten.
Armut und soziale Ausgrenzung werden oft schamhaft verschwiegen und von der Gesellschaft ausgeblendet. In christlichen Gemeinden hingegen werden die konkreten Probleme wahrgenommen und es wird zum Handeln motiviert. Sie sind Orte für Menschen, die unabhängig von ihrer Herkunft und sozialen Situation ihren Glauben leben.

IV.
Diakonie übt die Geschwisterlichkeit der Menschen ein

Menschen in Not dürfen nicht zu Objekten helfenden Handelns werden; sie sind unsere Brüder und Schwestern, die Jesus selig gesprochen hat (Matth. 5; Mk. 3, 34). „Von entscheidender Bedeutung ist die Intention der Diakonie, mit und nicht für Menschen zu arbeiten, um zu stärken und zu verändern“ (Erklärung der Konferenz Europäischer Kirchen zur Diakonie, Bratislava 1994).
In jedem Menschen ist das Ebenbild Gottes zu erkennen. Die Würde jedes Menschen ist die unaufgebbare Grundlage diakonischen Handelns. Diakonie ist der Ernstfall für die Geschwisterlichkeit der Menschen. Pflegende und sorgende Begleitung von alten, schwachen und Menschen mit Behinderung ist also nicht nur ein Geben, sondern auch ein Empfangen.
Helfen heißt nicht, sich herabzulassen zu einem Bedürftigen, sondern ist nach dem Gleichnis vom Weltgericht (Matth. 25) Christusbegegnung. Sie entscheidet das Christsein.

V. 
Diakonie als christliches Glaubenszeugnis und ihr protestantisches Profil

Die Evangelischen Kirchen wissen sich mit den anderen christlichen Kirchen einig, dass die soziale Verantwortung dem Grund des Glaubens selbst entspringt. „Weil Gott sich in Jesus Christus durch den Heiligen Geist liebevoll der Welt zuwendet, gehört es zum Wesen christlichen Glaubens, der Welt und den Menschen in ihren konkreten Nöten zugewandt zu sein.“ (Sozialwort des Ökumenischen Rates der Kirchen in Österreich, 2003 ) 
Im ökumenischen Geist der versöhnten Verschiedenheit haben die christlichen Kirchen unterschiedliche Schwerpunkte in der Tradition der sozialen Arbeit.  Während etwa die römisch-katholische Tradition ihre spezifischen Stärken in der Armutsbekämpfung hatte, betonte die evangelische Diakonie die soziale Verantwortung aus der Freiheit, die uns durch den Glauben geschenkt ist. Dadurch rückt die Entwicklung und Förderung des Einzelnen in den Focus der Aufmerksamkeit für ein weitgehend selbständiges Leben - unabhängig von den ihm oder ihr am Anfang des Lebens mitgegebenen Chancen und Möglichkeiten. 
Die sozialen Traditionen der einzelnen christlichen Kirchen dienen heute nicht mehr der Unterscheidung, sondern werden als gegenseitige Lernfelder begriffen.

VI. 
Orte der Inklusion: Teilhabe und Ressourcen

Ziel diakonischen Handelns ist der Einsatz für ein menschenwürdiges Leben aller. Sie sollen an den Chancen und Möglichkeiten, die unsere Gesellschaft bietet, teilhaben können. Die Teilhabe aller gründet in der Würde des Menschen, die nach christlichem Glauben in der Gottebenbildlichkeit gründet und in der Schöpfung, die allen geborgt und anvertraut ist. Eine gerechte Verteilung der Güter und die Teilhabe an gesellschaftlichen Prozessen erlauben es dem Einzelnen, seine Freiheit verantwortlich leben zu können. Ein Mangel an Ressourcen, seien es materielle Ressourcen oder der Zugang zu Bildung oder Partizipationsprozessen, schließt von der Teilhabe aus und schränkt Entfaltungschancen ein. Kirche und Diakonie bieten vielfältige Möglichkeiten der Teilhabe. Evangelische Pfarrgemeinden tragen die Möglichkeiten zur Inklusion in sich. Pfarrgemeinden sind Orte, die Gemeinschaft möglich machen - über die Vertretung einzelner Interessen hinaus. Im Gottesdienst und in der Gemeinde finden Menschen unterschiedlicher sozialer Herkunft einen gemeinsamen Ort, der auch allen Teilhabe und Mitbestimmungsmöglichkeiten bietet. Dieses Potential der Offenheit und Inklusion gilt es zu nutzen und auszubauen. Bauliche, ideologische, oder aus der Tradition überkommene Barrieren gilt es abzubauen.

VII. 
Inklusion als Strukturprinzip evangelischer Praxis

Diakonische Einrichtungen und Pfarrgemeinden sind Orte, die für Bildung und Erziehung, beim Altern, bei Pflegebedürftigkeit und Behinderung, in Armut und sozialen Krisen, bei Krankheit und Sucht, nach Straffälligkeit, auf der Flucht und bei Katastrophen Räume und Unterstützungsmöglichkeiten anbieten. Menschen in jeder Lebensphase werden eingeladen, befähigt und ermächtigt, ihr Leben selbst zu verantworten und für sich selbst zu sprechen. Wo Menschen aus Mangel an Ressourcen oder Möglichkeiten behindert werden, am Leben in Fülle teilzuhaben, unterstützen Kirche und Diakonie, diese Barrieren zu überwinden. Innerhalb kirchlicher Gemeinden und Einrichtungen wird darauf geachtet, Teilhabe und Inklusion zum Strukturprinzip kirchlicher Praxis werden zu lassen. 
Dabei geht es nicht darum, dass christliche Gemeinschaft sich als Sammlung der Starken begreift, die Schwache zu integrieren habe, vielmehr sind alle Eingeladene Jesu Christi, der alle zu sich ruft: „Kommt her zu mir, alle ihr Mühseligen und Beladenen! Und ich werde euch Ruhe geben.“ (Matth.11,28 nach ELB 2008) 
Christinnen und Christen sind mit all ihren Stärken und Schwächen gerufen. Kirche als inklusive Gemeinschaft lebt aus Christus und den Stärken und Ressourcen, die den Schwachen geschenkt sind. (2.Kor.12,9)

VIII. 
Diakonie ist organisierte Nächstenliebe

Neben dem spontanen helfenden Handeln Einzelner ist jede Form diakonischer Tätigkeit organisiert. Sie bedarf mitgebrachter und erworbener Kompetenzen.
Sowohl in der hauptamtlichen wie ehrenamtlichen diakonischen Arbeit besteht Bedarf nach qualitätsvoller Aus- und Fortbildung. Sie ist nach Maßgabe der Möglichkeiten von den einzelnen Einrichtungen anzubieten.
Bei alldem ist besonders auf die Qualität menschlicher Zuwendung sowie auf die personellen, zeitlichen und finanziellen Ressourcen zu achten.
An Bedeutung können gemeinschaftlich organisierte nahe Formen des Helfens gewinnen, die haupt- und ehrenamtlich getragen werden.

IX. 
Hilfe unter Protest: Gerechtigkeit und sozialer Ausgleich

Diakonie wendet sich in besonderer Weise jenen Bereichen von Not zu, die vom Netz öffentlicher sozialer Einrichtungen nicht entsprechend wahrgenommen werden. 
Diakonisches Handeln ist immer auch Protest, weil es Not lindert und zugleich nach Veränderung der Bedingungen ruft, die die Not verursachen. 
Wir halten fest, dass die soziale Aufgabe grundsätzlich Bestandteil der res publica, unserer gemeinsamen gesellschaftlichen Sache ist. Die Wahrnehmung diakonischer Aufgaben ist heute weitgehend nur in enger Kooperation mit der öffentlichen Hand möglich. Diakonie mischt sich ein, um Fehlentwicklungen zu korrigieren und arbeitet aktiv an der Verbesserung des Sozialstaates mit.
Gerade darum beobachten wir mit Sorge die Entwicklungen der Kommerzialisierung der sozialen Dienstleistungen, sowie den schleichenden Abbau des Sozialstaates. Es fehlt nicht an Gütern und Vermögen, um Armut und Ausgrenzung wirksam bekämpfen zu können, sondern sie sind ungleich verteilt. Die Kommerzialisierung sozialer Dienstleistungen schließt gerade die aus, die der Hilfe am dringendsten bedürfen. Die ungerechte Vermögensverteilung führt zu einer Spaltung der Gesellschaft, die neben sozialen Spannungen auch die Gefahr der Destabilisierung einer demokratisch organisierten Gesellschaft in sich trägt. 
Ziel diakonischen Handelns ist eine inklusive und gerechte Gesellschaft. Dazu muss die Kirche Verbündete suchen. Sie wird Lösungen nicht alleine verwirklichen können. Ihr Auftrag, für Gerechtigkeit und Inklusion einzutreten, bleibt unaufgebbar.

X. 
Diakonie in der „Einen Welt“

Evangelische Christinnen und Christen verstehen sich als Teil einer weltweiten Gemeinschaft. Diakonie und soziale Verantwortung  können deshalb nie losgelöst von der Verantwortung für die „Eine Welt“ gesehen werden, in der wir unseren Glauben leben. Ungeteilte Aufmerksamkeit gilt sowohl den Menschen, die ihr Heil nur mehr in der Flucht aus ihren Heimatländern erkennen können, als auch denen, die in den Ländern des Südens unserer partnerschaftlichen Unterstützung bedürfen. Diese Verantwortung stellt ebenso unseren Umgang mit Gütern in Frage. 
Ziel diakonischer Arbeit mit Flüchtlingen oder in der Entwicklungszusammenarbeit und Katastrophenhilfe ist es, den Menschen materielle Teilhabe und selbstbestimmte Partizipation an den gesellschaftlichen Prozessen zu ermöglichen. Sofern Christinnen und Christen in unseren Gemeinden und in unserer Kirche Heimat suchen und finden, werden sich unsere Strukturen veränderungsbereit zeigen müssen.

XI.
Diakonie ist missionarische Kirche

Indem die Kirche in ihrem diakonischen Handeln dem Menschen treu bleibt, macht sie das Evangelium von Gottes Menschenliebe glaubwürdig. Insofern ist diakonische Kirche immer auch missionarische Kirche. (Erklärung der Generalsynode 2009: Die Evangelischen Kirchen in Österreich als missionarische Kirchen, Pt 6.1.)