Ohne erfolgreiche Personaloffensive keine Pflegereform!

Mittwoch, 7. Oktober 2020
Pflegereform_Diakonie
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Fakten und Vorschläge von Diakonie Caritas, Hilfswerk, Rotem Kreuz und Volkshilfe
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Als „Schicksalsfrage“ der Pflegereform bezeichnen Österreichs große gemeinnützige Pflegeorganisationen die Personalfrage, und legen zum Start der Pflegereform-Diskussion Fakten und Vorschläge für eine Personaloffensive auf den Tisch.

„Nur wenn es Österreich gelingt, in den nächsten Jahren deutlich mehr Menschen für den Pflege­beruf zu gewinnen und sie im Beruf zu halten, wird die Zukunft der Pflege zu sichern sein“, sagt Elisabeth Anselm vom Hilfswerk, aktuell Vorsitzende der BAG.

Pflegepersonen im Beruf halten

Studien zeigen, dass vor allem jüngere Beschäftigte im Pflegesektor unter 25 Jahren nicht vorhaben, den Pflegeberuf bis zur Pension auszuüben. Beschäftigte über 55 Jahren denken hingegen eher nicht daran denken, aus dem Pflegeberuf auszuscheiden, sind jedoch oft aus gesundheitlichen Gründen dazu gezwungen.

Pflegekräfte leiden unter Stress durch Zeitdruck, durch Arbeitsverdichtung und die zu hohe Zahl an Klient/innen. Viel Bürokratie und viele Vorgaben schränken ebenso ein wie große Organisationseinheiten. „Es bleibt schlicht und ergreifend zu wenig Gestaltungsspielraum, um das zu tun, was die Langzeitpflege zu einer erfüllenden Arbeit macht: Zuwendung und Beziehung, Gespräche und gesellige Aktivitäten“, betont Diakonie Direktorin Maria Katharina Moser.

Arbeitsbedingungen in der Pflege verbessern

Ein wesentlicher Hebel, um die Arbeitsbedingungen zu verbessern, sind die Personalschlüssel bzw. Normkostensätze und die entsprechende Refinanzierung durch die öffentliche Hand. Personalschlüssel und Annahmen zu Finanzierungssätzen sind überholt, in jedem Bundesland anders und viel zu knapp kalkuliert.

„Wir brauchen eine österreich­weit verpflichtende, einheitliche, transparente und evidenzbasierte Berechnungs­methode – unter Einberechnung von Ausfallszeiten wie Urlaub, Krankenstand oder Karenz sowie Aus-, Fort-und Weiterbildungszeit. Diese muss auch Bedarfsanpassungen im Hinblick auf die Bewohnerstruktur oder spezifische Anforderungen der jeweiligen Pflege- und Betreuungs­konzepte mitberücksichtigen“, fordert Moser.

Der zweite Hebel sind die Betreuungsformen und Pflegedienstleistungsangebote. Studien zeigen, dass Mitarbeiter/innen in kleineren Einrichtungen weniger belastet sind als in großen. Dezentrale Wohn- und Betreuungsformen sind auch besser für Menschen mit Pflege­bedarf. Größere Gestaltungsmöglichkeiten steigern die Arbeitszufriedenheit von Mitarbeiter/innen. Haben diese mehr Autonomie und Entscheidungskompetenz, können sie besser auf die individuellen Bedürfnisse der Klient/innen reagieren.

„Was gut ist für die Menschen, die Pflege brauchen, ist auch gut für die Pflegekräfte und ihre Motivation, im Beruf zu bleiben“, so Moser abschließend.

Anreize für den Einstieg in den Pflegeberuf

Parallel zu einer Ausweitung der Ausbildungs­plätze und -möglichkeiten betont die Caritas die Wichtigkeit von An­reizen für den Einstieg in die Pflegeausbildung.

Umstieg ermöglichen

Die fortschreitende Digitalisierung, der Niedergang mancher Industriezweige oder Elementarereig­nisse wie die Corona-Pandemie drängen Menschen aus ihren angestammten Jobs. Der dynamisch wachsende Arbeitsmarkt Pflege und Betreuung kann eine Alternative bieten. Hier müsse aktive Arbeitsmarktpolitik ansetzen und Um- und Wiedereinsteiger/innen den Wechsel in die Pflege und Betreuung auch finanziell ermöglichen, so der Direktor der Volkshilfe Österreich.

Wollen wir zufriedene Pflegebedürftige und Angehörige, dann brauchen wir auch zufriedene Pflegerinnen und Pfleger“, ist das Rote Kreuz überzeugt.