Menschenrechts-Skandal in Griechenland sofort stoppen. Flüchtlingslager evakuieren

Mittwoch, 9. Dezember 2020
Das neue Lager "Kara Tepe" auf Lesbos steht nach dem Regen unter Wasser (Bild: Doro Blancke)
Das neue Lager "Kara Tepe" auf Lesbos steht nach dem Regen unter Wasser (Bild: Doro Blancke)
Hinschauen, die Not sehen und handeln

Im neuen, provisorischen Flüchtlingslager auf der griechischen Insel Lesbos leben zurzeit 7500 Menschen. Frauen, Männer, Kinder, Alte, Kranke. Sie wurden nach dem Brand des Lagers Moria Mitte September dorthin übersiedelt.

Christoph Riedl, Sozialexperte für Asyl der Diakonie Österreich ist gestern auf Lesbos gelandet, um sich mit Hilfsorganisationen vor Ort zu treffen und ein Bild von der Lage zu machen. Er ist von den Schilderungen der unhaltbaren Zustände erschüttert:

„Das Lager wurde nur als Übergangslösung nach dem Brand eingerichtet. Entsprechend ungeeignet sind die Zelte, in denen die Menschen hier leben müssen. Sie können Wind und Wetter in den Wintermonaten nicht ausreichend standhalten. Der Boden ist wie Beton, hart und kalt. Auch hier in Griechenland wird es oft beißend kalt. Der kalte Wind kommt direkt übers Meer und fegt durch die Zelte hindurch. Zwischen den Zelten gibt es Rinnen, damit bei Regen das Wasser abrinnen kann. Aber nach einem Tag Regen wie vergangenen Montag stehen große Teile des Camps unter Wasser und das Wasser rinnt durch die Zelte. Wenn die Kleidung einmal durchnässt ist, bleibt sie dauerhaft feucht. Die Kinder frieren, die Menschen sind unterkühlt und werden krank und täglich kränker. Es gibt bis jetzt keine ausreichende Essenversorgung, keine Duschen, die diese Bezeichnung verdienen und die hygienischen Umstände sind untragbar, Mütter mit Babys sind verzweifelt “, berichtet Riedl. 

Außerdem herrscht auch im Lager Lockdown: nur ganz wenige Menschen dürfen das Camp verlassen. Auch kleine Besorgungen sind äußerst schwierig. Nur NGOs, die eine Erlaubnis haben, dürfen ins Camp hinein, und versuchen, den Menschen zumindest eine Mahlzeit pro Tag zu bringen. 

Lager besser heute als morgen evakuieren

„Wenn man diese inhumanen, menschenunwürdigen Zustände sieht und daran denkt, welche Infrastruktur internationale Hilfsorganisationen bei Erdbeben, Überschwemmungen und anderen humanitären Katastrophen in kurzer Zeit aus dem Boden stampfen können, müssen wir uns ernsthaft fragen:

Warum fehlt es hier, 3 Monate nach dem Brand, noch immer an allem? Warum beauftragt Griechenland nicht die internationalen Hilfsorganisationen, die Menschen auf Lesbos unmittelbar mit dem Nötigsten auszustatten?

Warum wurden die vielen Hilfsgüter wie z.B. die der österreichischen Bundesregierung, die geliefert wurden, das viele Geld der EU, das bereitgestellt wurde, nicht längst eingesetzt? 

Wo ist der Protest der EU und ihrer Institutionen, warum lassen die EU-Mitgliedsstaaten, allen voran Österreich zu, dass Menschen mitten in Europa unter solch schrecklichen Bedingungen leben müssen?

Man kann nur zu dem Schluss kommen, dass die inhumanen Zustände auf Lesbos politisch gewollt und Teil der europäischen Abschottungs- und Abschreckungspolitik sind.

„Das Drama hier spielt sich vor den Augen der EU Institutionen ab, die ständig vor Ort sind. Diese unwürdigen und lebensgefährlichen Lager müssen evakuiert werden und die Menschen in andere europäische Länder aufgenommen werden. Griechenland braucht sicherlich Unterstützung aber auch den klaren Hinweis, dass solche Zustände keinen Platz in der Europäischen Union haben“, so Riedl. Der Asylexperte steht nach einem Lokalaugenschein am Mittwoch und Donnerstag gerne für Interviews zur Verfügung.