Diakonie: Menschen Mut geben statt sie sprachlos zurück zu lassen

Donnerstag, 29. November 2018
Menschen mit Behinderung geben anderen Mut
Menschen mit Behinderung geben anderen Mut
Rechtsanspruch auf Hilfsmittel für Menschen mit Behinderung endlich umsetzen
Liam ist in der dritten Klasse und ein Einser-Schüler. In seinen ersten Lebensjahren schien das kaum vorstellbar, Liam hat Athetose. Heute benutzt er einen Rollstuhl und kommuniziert mit Hilfe eines Tablet-Computers.
Liam ist in der dritten Klasse und ein Einser-Schüler. In seinen ersten Lebensjahren schien das kaum vorstellbar, Liam hat Athetose. Heute benutzt er einen Rollstuhl und kommuniziert mit Hilfe eines Tablet-Computers.

„Menschen mit Sprach-Behinderungen sind nicht sprachlos. Es fehlt aber immer noch der Rechtsanspruch auf technische Sprach-Unterstützung. Und das bedeutet für betroffene Kinder und Erwachsene, dass sie ihre dringendsten Bedürfnisse nicht äußern können und ihnen Teilhabe an Schule und Sozialleben verwehrt bleibt“, erinnert die Direktorin der Diakonie Österreich, Maria Katharina Moser, anlässlich des Internationalen Tags der Menschen mit Behinderung am 3. Dezember an die rund 63.000 Personen mit Behinderungen beim Sprechen.

Die Finanzierung der – meist teuren – Kommunikationsgeräte gleicht aktuell einem bürokratischen Hürdenlauf. Die Organisation finanzieller Unterstützung fordert oft alle Kraft und Ausdauer der Betroffenen und ihrer Angehörigen. „Es ist an der Zeit, dass die Politik die versprochenen Schritte setzt“, unterstreicht Diakonie Direktorin Moser die bereits 10 Jahre alten Forderungen der Diakonie.

Sozial- und Gesundheitsministerin Beate Hartinger-Klein hat Anlaufstellen in allen Bundesländern für 2019 versprochen, das wäre ein erster Schritt. „Allerdings müssen weitere folgen. Erst ein Anspruch auf rechtlicher Basis verschafft Menschen die Sicherheit, dass alle, die Unterstützung benötigen, diese auch bekommen“, betont Diakonie Direktorin Maria Moser.

10 Jahre UN-Behindertenrechtskonvention

2018 ist ein wichtiges Jahr, insbesondere aus menschenrechtlicher Perspektive. Die allgemeine Erklärung der Menschenrechte wurde vor 70 Jahren formuliert, seit zehn Jahren gilt die UN-Behindertenrechtskonvention in Österreich. „Wir wollen an deren Grundsätze erinnern und am diesjährigen 3.Dezember jenen Menschen eine Stimme geben, die sonst keine hätten,“, so Moser. „Und wir wollen diesen Menschen Hoffnung geben“. Die UN Konvention mache nämlich klar: selbstbestimmtes Leben ist nur möglich, wenn man sich selbst ausdrücken kann, sei es durch Sprache, Gebärden oder elektronische Hilfsmittel. „In Österreich ist dieser Grundsatz leider noch nicht verwirklicht“, macht Maria Moser deutlich.

Finanzielle Unterstützung ist Aufgabe der öffentlichen Hand

Aus diesen Gründen fordern VERBUND und Diakonie gemeinsam seit nunmehr 10 Jahren einen Rechtsanspruch auf technische Hilfsmittel und die Finanzierung für assistierende Technologien. „Denn um modellhaft für einen Teil der Betroffenen die Lücken zu schließen, unterstützt der „VERBUND Empowerment Fund der Diakonie“ seit einigen Jahren Menschen mit Sprach-Behinderungen bei der Anschaffung eines Sprachcomputers. Diese finanzielle Unterstützung ist jedoch eine Aufgabe der öffentlichen Hand, und muss von dieser übernommen werden“, so Maria Katharina Moser, die hier auch für den Kooperationspartner VERBUND spricht.

 

Hier erzählen Liam und seine Mutter Kerstin von ihrem Alltag:

„Das ist ein hundert mal mehr Ich-Bild.“

Liam ist in der dritten Klasse und ein Einser-Schüler. In seinen ersten Lebensjahren schien das kaum vorstellbar, Liam hat Athetose. Heute benutzt er einen Rollstuhl und kommuniziert mit Hilfe eines Tablet-Computers.

Liam ist in der dritten Klasse und ein Einser-Schüler. In seinen ersten Lebensjahren schien das kaum vorstellbar, Liam hat Athetose. Er bewegt sich oft unwillkürlich und artikuliert so, dass für Gesprächspartner Verstehen und Raten dicht beieinander liegen, er hat eine Sprachbehinderung. Heute benutzt er einen Rollstuhl und kommuniziert mit Hilfe eines Tablet-Computers, der seine Augensignale in gesprochene Worte umsetzen kann.

„Für die Fotos will ich eine gute Frisur. So wie mein Cousin sie hat, das gefällt mir, seitlich kurz und oben lang. Ich bin noch nicht zufrieden. Ich war gestern beim Friseur, da waren die Haare besser. Rechts stimmt es noch nicht.

Ich sehe ich mich nicht ganz, bitte den Computer runter. (Die Mutter, Kerstin, richtet den Computer ein, Liam sieht sich in der Selfie-Einstellung der Kamera und ist zufrieden): Das ist ein hundert mal mehr Ich-Bild.“

Meine Freundin im Hort kenne ich auch vom Move-Training. Sie spielt gerne am Handy. Ich möchte am allerliebsten Polizei- und Feuerwehr- und Krankenwagenfahrer werden. Sie fahren so schnell und dürfen immer als erste vorbei. Du glaubst, ich bin schon zehn Jahre alt? (Lacht ausgelassen). Jetzt bin ich acht Jahre alt, mein Geburtstag ist am 26. Juni. Ich habe ein großes Auto mit großen starken Reifen geschenkt bekommen, einen Geländewagen in Schwarz und Orange. Ich kann ihn mit meinem Computer steuern und überall hin fahren lassen.

Jetzt gehe ich in die dritte Klasse. Meine Lehrerin ist im Sommer in Pension gegangen und jetzt habe ich eine Lehrerin, bei der das Lernen leichter ist. Ich kann viel einfacher Kopfrechnen. Meine Hausaufgaben mache ich im Hort, am Wochenende auch zu Hause. Gestern haben wir im Hort Geburtstag gefeiert, von einem Freund. Der Felix hat Geburtstag gehabt. Es gab Kuchen und es gab Kerzen. Ameisenkuchen, und ich habe etwas nach Hause mitgenommen, ich habe ein halbes Stück Kuchen zu Hause. Ich mag Schokolade, und überhaupt Süßigkeiten.

Schnitzel mag ich nicht so sehr. Wegen der Panier, das bröselt. Spaghetti esse ich schon lieber, am liebsten die orange gefärbten Nudeln. Ich glaube, die sind mit Karotten gefärbt. Die Nudeln esse ich ohne Soße und ohne Butter, nur so.

Mein Hund ist ein Weibchen und heißt Mia. Heute ist sie nicht dabei, sie wartet bei der Oma auf mich. Sie geht mir so (zeigt es) etwa bis zu meiner Hand und hat ein dunkelbraunes Fell. Wenn ich mit Mia draußen bin, passt sie auf, dass keine fremden Hunde in meine Nähe kommen. Sie verteidigt mich sofort, obwohl sie sonst andere Hunde mag.

Autofahren ist so eine Sache. Ohne Computer macht es mir keinen Spaß. Nicht schon wieder ohne Computer im Auto! Ich muss ihn aber ausschalten. Ich bin jetzt müde und kann nicht im Rollstuhl bleiben. Ich fahre im Autositz. Da ist die Kopfstütze besser. Zeichnen kann ich auch mit dem Computer. Ich kann Dir aber kein Bild zeigen. Alles schon im Müll.“

Liams Mutter Kerstin will das nicht glauben, sie beugt sich zu ihm und durchsucht den ganzen Computer. Hast Du wirklich alle gelöscht? Ernsthaft. Die ganzen Bilder hast Du gelöscht. Schade um die Bilder. Aber ziemlich cool, wenn man seine Entschlüsse auch einfach in die Tat umsetzen kann.

Liam hat seit seinem dritten Lebensjahr einen Computer mit Augensteuerung, gerade noch rechtzeitig, um so gut sprechen lernen zu können. Seine Mutter hat lange bei den verschiedensten Kostenträgern wie Krankenkasse, Bundessozialamt, Landesfonds, Gemeinde, Sonderfonds … darum gekämpft und bei LIFEtool, einer Kooperation der Diakonie mit dem VERBUND, Unterstützung gefunden. LIFEtool bietet nicht nur hoch qualifizierte Beratung und Training, sondern nach Möglichkeit auch Soforthilfe, wenn es um die Beschaffung/Finanzierung geeigneter Computer und Zusatzgeräte geht.