Schlüsselfrage Wohnen

Wohnen ist derzeit eines der heißesten von allen brennenden Themen. Und der Zugang zu leistbarem Wohnraum ist eine Schlüsselfrage, damit Menschen ein selbständiges Leben führen können.
zwei Mädchen sitzen auf dem Bett in ihrer neuen Wohnung
Nur wenn ich eine angemessene und leistbare Wohnung habe, kann ich ein selbständiges Leben führen (Foto: Regina Hügli)

„Früher habe ich das oft gehabt in der Beratung: Foto vom Schimmel machen, an das Wohnungsamt schicken. Da haben die Leute wirklich innerhalb von ein paar Monaten eine neue Wohnung gehabt. Heute kannst du nicht einmal mehr ein Foto von einem Schimmel hinschicken, weil die sagen, ich habe schon 3000 Schimmelfotos da, das interessiert uns überhaupt nicht.“  So schildert eine Sozialarbeiterin die aktuelle Situation in Salzburg.

UN-Behindertenrechtskonvention zum Thema Wohnen

In Artikel 19 der UN-Behindertenrechtskonvention ist das gleiche Recht aller Menschen mit Behinderungen anerkannt, „mit gleichen Wahlmöglichkeiten wie andere Menschen in der Gemeinschaft zu leben“. Weiters ist in der UN-Behindertenrechtskonvention das Recht auf Achtung der Privatsphäre aller Menschen mit Behinderungen verankert.

Barrierefrei

Menschen mit Behinderung sollen den gleichen Zugang zu öffentlich angebotenen Leistungen haben wie Menschen ohne Behinderung. - Angebote, die der Öffentlichkeit zur Verfügung stehen, müssen daher barrierefrei zugänglich und für Menschen mit Behinderung in der allgemein üblichen Weise – also ohne besondere Erschwernis und grundsätzlich ohne fremde Hilfe – zugänglich und nutzbar sein.

Quelle: Website Sozialministerium

Generationenwohnbau / Mehr-Generationen-Wohnen

Es gibt unterschiedliche Wohnformen, die unter dem Begriff "Mehr-Generationen-Wohnen" zusammengefasst werden. Allen Wohnformen gemeinsam ist, dass Jung und Alt (z.B. in einer großen Wohnhausanlage) zusammenleben. Sie ermöglichen es, das Miteinander und die gegenseitige Unterstützung von Personen verschiedener Altersgruppen neu zu beleben.

Quelle: Website der Stadt Wien

Intersektionalität

beschreibt die Überschneidung von verschiedenen Diskriminierungsformen in einer Person. Intersektionelle Diskriminierung liegt vor, „wenn – beeinflusst durch den Kontext und die Situation – eine Person aufgrund verschiedener zusammenwirkender Persönlichkeitsmerkmale Opfer von Diskriminierung wird.“

Working poor

Armut trotz Erwerbstätigkeit, wegen sehr geringen Einkommens (unterhalb der Armutsgrenze). Das kann z.B. wegen schlecht bezahlter Teilzeitarbeit sein, wenn für eine Person, z.B. wegen Betreuungspflichten, nicht mehr als eine bestimmte Stundenanzahl Erwerbsarbeit möglich sind.

Wohnen ist derzeit eines der heißesten von allen brennenden Themen. Das ergab eine Studie der Wirtschaftsuniversität Wien und der österreichischen Armutskonferenz.

Warum diskutieren wir eigentlich nicht seit Monaten über z.B. leistbares Wohnen?

Die Mietpreise sind in den letzten Jahren – vor allem in den Städten wie Salzburg, Innsbruck und Wien – derart in die Höhe geschossen, dass viele kaum noch leistbaren Wohnraum finden,  berichten die Studienautorinnen Evelyn Dawid und Karin Heitzmann. Ein ganzes Jahr haben sie sich auf die Spuren sozialer Alltagsprobleme begeben, mit Leuten gesprochen, sich Zeit genommen und genau hingehört.

Prekäre Wohnverhältnisse und versteckte Wohnungslosigkeit  angestiegen

Manche leben in Räumen ohne Fenster, ohne Strom, ohne Wasser. Andere teilen sich eine kleine Wohnung, was zu krassen Überbelegungen führt, und wieder andere „wandern“ von hilfsbereiten Bekannten zu Bekannten, um nicht auf der Straße schlafen zu müssen. Aus den Notunterkünften, die eigentlich für akut Wohnungslose gedacht sind, werden zunehmend Dauerwohnstätten für Personen, die keine leistbare Wohnung finden.

Die hohen Wohnkosten können tief ins Privatleben eingreifen: Scheidungen von Ehen sind nicht möglich, weil sich die trennungswilligen Partner in den großen Städten zwei kleine statt einer größeren Wohnung nicht leisten können. „Wir hassen uns, aber wir sind auch nicht so blöd, dass wir obdachlos werden“. Wer sich trotzdem trennt, läuft Gefahr in die Armut abzurutschen. Die Sozialinitiativen haben viele alleinerziehende Frauen in ihren Beratungsstellen, in den letzten Jahren aber auch vermehrt geschiedene unterhaltspflichtige Männer.

Die Ärmsten dem Markt überlassen

Von den Wohnproblemen in besonderem Maß betroffen sind Personen mit Migrationshintergrund: „Sie sind auch noch mit Vorurteilen vieler Vermieter konfrontiert, die ihnen schlicht keine Wohnung vermieten wollen. Hinzu kommen ein eingeschränkter Zugang zu Gemeindewohnungen und die Schwierigkeiten, legal eine Wohnung anzumieten, wenn der Aufenthaltsstatus unsicher ist“, so Dawid und Heitzmann.

Die vorwiegend syrischen und afghanischen Flüchtlinge, die im Jahr 2015 nach Österreich gekommen sind, befinden sich nunmehr ebenfalls in der Warteschlange für dieselben nur schwer leistbaren Wohnungen.  Allzu oft sind sie – auch weil sie sehr oft diskriminierend behandelt werden - am Wohnungsmarkt völlig chancenlos und werden zur leichten Beute für Mietbetrüger. Und sie sind gezwungen, unter völlig unzumutbaren Bedingungen und zu weit überhöhten Preisen in Objekten zu hausen, für die das Wort „Wohnung“ gar keine passende Bezeichnung ist. Doch warum wird an Flüchtlinge nicht vermietet?

Lisa Jama von der Wohnberatung des Diakonie Flüchtlingsdienstes sagt dazu: „Die WohnungseigentümerInnen sagen uns, die Politik ist schuld daran, weil die Sozialleistungen ja schließlich nicht pfändbar seien, und Flüchtlinge somit ein finanzielles Risiko darstellen würden. Die Politik hingegen verweist auf die Gesetzgebung, und die Gesetzgebung auf die Politik. Das Land auf den Bund, und der Bund auf das Land.“

Warum bekomme ich keine Wohnung? - ganz persönliche Diskriminierungs-Erfahrungen

Eine 29 jährige alleinerziehende Russin kämpft mit den Tränen, nachdem sie die zwanzigste Absage für einen Besichtigungstermin erhalten hat. „Ich brauche einen Ort, an dem ich mich vor Gewalt schützen kann. Ein Ort, an dem meine Tochter und ich in Ruhe leben können.“

Ein  45 jähriger Iraker fragt am Ende der Beratung:  „Ich hätte niemals in meinem Leben gedacht, dass ich von Obdachlosigkeit bedroht werde! Warum bekomme ich keine Wohnung? Weil ich Muslim und Araber bin?“

Wir hoffen bei jedem Anruf auf ein Ja. Wenigstens eine Chance zu haben muss doch möglich sein.“, sagt uns eine Klientin aus Somalia, die Aufgrund ihrer Herkunft und Hautfarbe bereits mehrmals bei der Wohnungssuche diskriminiert wurde. Sie weiß aber auch, dass es noch Menschen in Österreich gibt, die nicht nur Nein sagen, wenn es um Gleichbehandlung geht. „Ich muss sie nur noch finden.“

Ein junger Syrer lächelt müde und erklärt uns, dass er weitersuchen würde und nicht aufgeben will. Immerhin hält er daran fest: „Eine Wohnung zu haben, bedeutet für mich einen Ort zu haben, an dem ich schöne Träume begrüßen und mich von den Albträumen verabschieden kann.“ 

Was bleibt ist oft nur die Hoffnung, dass aus der Traumwohnung auch Realität wird.

"Was mir beim Wohnen wichtig ist"

Menschen aus Einrichtungen der Diakonie erzählen darüber, was ihnen ihre Wohnung bedeutet > Lesen Sie weiter im Diakonie-Blog

Ein interessantes Detail dazu: Weder in der breit geführten Integrationsdebatte der letzten Monate, noch im Entwurf zum neuen Integrationsgesetz, noch im Plan A des Bundeskanzlers, aber auch nicht in der Neuauflage des Regierungsprogrammes kommt im Kontext von Asyl und Migration das Wort „Wohnen“ auch nur ein einziges Mal vor.

Es scheint, als hätte die Politik den armutsgefährdeten Teil der Bevölkerung in der Wohnfrage dem freien Markt überlassen. Vor diesem Hintergrund ist die Kürzungswut bei der Mindestsicherung doppelt zynisch.

Zwei Kinder in einerm Kinderzimmer (Foto: Regina Hügli)
Kinder, die in relativer Armut leben, wohnen häufiger in feuchten Wohnungen, solche mit einer hohen Belegungsdichte und an stark befahrenen Straßen.

Sag mir, wo du wohnst, und ich sage dir…

Wenn ich mit der Straßenbahn vom ärmsten Wiener Gemeindebezirk, Fünfhaus, in den reichsten - nach Hietzing - fahre, dann liegen dazwischen einige Minuten an Fahrzeit, aber auch 5 Jahre an Lebenserwartung der jeweiligen Wohnbevölkerung. Die Gründe dafür sind vielschichtig. Eine wichtige Rolle spielen dabei in jedem Fall auch die räumlich unterschiedlich verteilten Belastungen am Wohnort.

Die Belastung durch Lärm bzw. Luft- und Umweltverschmutzung wird größer, je geringer das Einkommen ist. Kinder, die in relativer Armut leben, wohnen häufiger in Wohnungen mit einer hohen Belegungsdichte und an stark befahrenen Straßen als Kinder, die nicht von Armut betroffen sind.

Familien in Einkommensarmut fühlen sich in städtischen Regionen massiv durch feuchte Wohnungen, Überbelag, Luftverschmutzung, Lärm und fehlende zugängliche Grünflächen in ihrer Wohngegend beeinträchtigt. Grünraum in der Stadt verbessert das Klima im Grätzel, zeigt gesundheitlich positive Auswirkungen, bietet Bewegungsraum für Jung und Alt, begünstigt als Sozialraum das Gespräch und die Begegnung. Urbane Grünräume sind ungleich zwischen arm und reich verteilt.

Zwar befinden sich sowohl arme als auch reiche Bezirke in stark verbautem Gebiet, die sozial und einkommensmäßig ärmsten Straßenzüge sind aber immer mit wenig Grün ausgestattet; hingegen die reicheren Bezirke stets mehrheitlich in und neben Grünlagen gelegen.

Auch sommerliche Hitzeperioden sind ein Gesundheitsrisiko. In der Hitzewelle 2003 sind rund 70.000 Menschen in Europa an der Hitze gestorben. Ärmere Bevölkerungsgruppen gehen statistisch gesehen häufiger Berufen nach, die körperlich anstrengend und der Hitze ausgesetzt sind (z.B. Bauarbeiter, Reinigungskräfte). Sozial benachteiligte Gruppen leben meist in Wohnungen mit schlechter Bausubstanz (z.B. keine Wärmedämmung) und schlechter Ausstattung (z.B. keine Außenjalousien, keine Klimaanlagen) sowie weniger Raum pro Kopf. Qualitative Untersuchungen weisen darauf hin, dass sie weniger oft und weniger weit in kühlere Bereiche ausweichen können (z.B. Zweitwohnsitz, Freibad, etc.). Sie weisen einen schlechteren Gesundheitszustand auf, welcher gegenüber Hitze verwundbarer macht.

Hand hält einen Schlüsselbund

Sozialraum und bedarfsgerechte Angebote

Für die Stadtplanerin und Architektin Gabu Heindl ist die größte Herausforderung, leistbaren Wohnraum für alle zur Verfügung zu stellen. Und da geht es nicht darum, ob für Jung oder Alt, denn schließlich werden alle älter, und niemand ist davor gefeit, in eine Situation wie zum Beispiel ‚working poor‘ zu kommen.

Deshalb lehnt Heindl den Begriff „Sozialbau“ ab:

Eigentlich würde ich es gern öffentliche Bauten nennen und nicht Sozialbauten. Architektur und Städtebau betreffen grundsätzlich den sozialen Raum

Auch will sie „nicht trennen zwischen Architektur für Bedürftige und Architektur für Nicht-Bedürftige. Stadt ist sozialer Raum und das besonders im öffentlichen Bereich.“

Das Wiener Integrationshaus hat im Jahr 2013 das Projekt Kosmopolis umgesetzt. Es ermöglichte Asylberechtigten, subsidiär Schutzberechtigten und BesitzerInnen einer Rot-Weiß-Rot-Karte, einen begleiteten Umzug in ein gefördertes Neubauprojekt. Fünfzehn Familien und Einzelpersonen, allesamt KlientInnen  von Integrationshaus, Diakonie Flüchtlingsdienst und Volkshilfe, die direkt aus  der Grundversorgung kamen, bekamen die Möglichkeit leistbaren Wohnraum in einem Genossenschaftsbau zu beziehen.  Neben einer grundlegenden Absicherung durch den Wohnraum stellte vor allem die sozialarbeiterische Begleitung der KlientInnen eine Schlüsselfunktion für eine nachhaltige Integration in die österreichische Gesellschaft dar.

Doch selbst erfolgreiche Projekte wie dieses haben noch einen Wermutstropfen, denn auch hier war eine Hürde gegeben, die den Zugang zu leistbarem Wohnraum in der Praxis schwer macht:

Voraussetzung, um in den Genuss dieser geförderten Wohnungen zu kommen, war der Nachweis eines Einkommens aus Erwerbsarbeit. Und dieses Einkommen musste der Mindestgrenze der Wohnbauförderung entsprechen, und somit die sogenannte „Selbsterhaltungsfähigkeit“ sicherstellen. - Diese Hürde ist zu hoch. Geförderter Wohnbau müsste diesen Personen auch offenstehen, wenn zur Überbrückung noch Mindestsicherung bezogen werden muss.

Nur so ist ein gelungener Start möglich, denn wie es Christoph Reinprecht, Professor für Soziologie, auf den Punkt bringt:

Wohnen ist eine Schlüsselfrage. Wohnen ist bei sich sein, ist primär. Deshalb ist Wohnen in der Migration, wenn ich in ein neues Land komme, essentiell. Und die Sicherung einer Wohnung ist die Voraussetzung dafür, dass ich realisieren kann, was ich möchte, nämlich ein neues, selbständiges Leben führen.
Christoph Reinprecht
Von Martin Schenk und Christoph Riedl | Stand: Juli 2017