Pflege: Abschaffung des Pflegeregresses ein erster positiver Schritt

Freitag, 30. Juni 2017
Alte Frau im Rollstuhl im Gespräch mit junger Frau, beide am Seeufer
Wie wollen wir alt werden? (Foto: Christian Göltl)
Pflege braucht neue Ansätze und Konzepte.
Alte Frau im Rollstuhl im Gespräch mit junger Frau, beide am Seeufer
Wie wollen wir alt werden? (Foto: Christian Göltl)

„Die Diakonie Österreich begrüßt die Abschaffung des Pflegeregresses“, sagt ihr Direktor, Michael Chalupka. „Damit ist die eine Hälfte einer alten Forderung der Diakonie erfüllt. Jetzt geht es darum, an der zweiten Hälfte, einer solidarischen Finanzierung eines neuen Pflegesystems, zu arbeiten – und nicht stehen zu bleiben bei Scheinlösungen, die finanziell nichts bringen – wie das Foto auf der eCard, das angeblich Missbrauch verhindern soll.“

Neben der Abschaffung des Pflegeregresses brauche es grundlegend neue Ansätze in Pflege und Betreuung, eine neue Perspektive und Aufstellung der Pflege in Österreich, die auch eine solidarische Absicherung des Pflegerisikos beinhalten, so Chalupka weiter. Diese Diskussion darf auch nicht nur in Wahlkampfzeiten hochkochen und sich auf punktuelle Maßnahmen beschränken. Die Bedürfnisse pflegebedürftiger Menschen richten sich nicht Legislaturperioden.

Die Ansprüche an die Pflege und Betreuung, aber auch die Umstände für die Erbringung der jeweiligen Leistungen hat sich in den letzten Jahren stark verändert. „Mittlerweile leben in Pflegeheimen zunehmend Menschen mit hohen Pflegestufen und/oder fortgeschrittener Demenz – die Betreuungssituationen am Lebensende verdichten sich“, erklärt Chalupka. „Diese veränderten Ansprüche beantwortet unsere Gesellschaft aber immer noch mit Konzepten aus dem vorigen Jahrhundert. Das Pflegegeld wurde 1993 eingeführt, Pflegeheimstruktur und bauliche Konzepte der meisten Häuser stammen aus den 1980er-Jahren.“

Fokus richten auf Alltag und Wohnen

„Für diese neuen Herausforderungen braucht es dringend neue bedürfnisgerechte Antworten – und die sozialpolitischen Rahmenbedingungen dazu. Internationale Beispiele gibt es dazu bereits zahlreich: Quartiersentwicklung, sozialräumliche Herangehensweisen, ambulant betreute Wohngemeinschaften für Menschen mit Demenz, Gemeinschaftsbetreuung und vieles mehr. Neue Wohnkonzepte für Menschen mit hohem Pflegebedarf sind hier zentral. Wohnen, das ins Gemeinwesen integriert, das alltagsnäher organisiert ist“, erläutert Chalupka. „Wir müssen uns also eher die Frage stellen, wie wir Wohnformen so etablieren können, damit alle Menschen gemeinsam dort leben können – das heißt auch: egal ob mit oder ohne Demenz. Die Pflege, die dazu nötig ist, ist dann eine zusätzliche Dienstleistung.“

Alte und Pflegebedürftige dürfen nicht weiter buchstäblich am Rand bleiben, sie gehören in die Mitte der Gesellschaft.
Michael Chalupka
„Alte und Pflegebedürftige dürfen nicht weiter buchstäblich am Rand bleiben, sie gehören in die Mitte der Gesellschaft. Wir haben uns dringend gesellschaftspolitisch darüber zu unterhalten, wie wir die Gesellschaft des langen Lebens gut gestalten wollen – und wie wir ein Altern in Würde sichern“, so Michael Chalupka abschließend.