„Reden wir über Pflege! – gerade in Zeiten des Wahlkampfs!“

Donnerstag, 14. September 2017
Alte Frau im Rollstuhl im Gespräch mit junger Frau, beide am Seeufer
Wie wollen wir alt werden? (Foto: Christian Göltl)
Diakonie präsentiert 10 Punkte für die Zukunft des Älterwerdens
Alte Frau im Rollstuhl im Gespräch mit junger Frau, beide am Seeufer

„Der demographische Wandel und seine Folgen für das Zusammenleben der Generationen und für Pflege und Betreuung älterer Menschen müssen im Wahlkampf breit diskutiert werden. Einzelmaßnahmen wie die begrüßenswerte Abschaffung des Pflegeregresses sind zu wenig“, eröffnet Michael Chalupka, Direktor der Diakonie Österreich, die heutige Pressekonferenz zur Zukunft der Pflege.

Die Diakonie fordert deshalb eine breite Diskussion über den Umbau des Pflege- und Betreuungssystems. Generationenpolitik ist eine Querschnittsaufgabe – sie ist mehr als Sozial- und Gesundheitspolitik. Es geht genauso um Wohnen und Lebensräume, Mobilität, Bildung, Wirtschaft und (Nah-)versorgung. Ältere Menschen sind nicht nur ein Kostenfaktor, sondern wichtiger Teil der Gesellschaft.

„Deshalb sind neue Konzepte für individuelle Bedürfnisse pflegebedürftiger Menschen notwendig“, betont die Diakonie, und nennt als Beispiele für neue Konzepte die folgenden:

„Es braucht Wohnräume, die Pflege alltagsnah ermöglichen und echte Wahlfreiheit für alle von Pflege Betroffenen schafft. Es ist an der Zeit, neue Perspektiven für die Pflege zu schaffen, die auch eine solidarische Absicherung des Pflegerisikos beinhalten“, zählt Chalupka auf.

Ihre Überlegungen zur Zukunft der Pflege hat die Diakonie in dem heute präsentierten Paper „10 Punkte für die Zukunft des Älterwerdens“ zusammengefasst. Zentrale Frage ist: Wie muss ein Miteinander beschaffen sein, so dass sich alle – jung bis alt – versorgt und integriert fühlen?

1. Wir werden älter und das ist gut so!

Die demographische Veränderung muss als Chance gesehen und begriffen werden. Der Zugewinn an Lebensjahren ist eine positive Entwicklung moderner Gesellschaften. Dabei ist es unzulässig, Menschen im Alter vorwiegend als Kostenfaktor und als Problem zu thematisieren.

Politik für Menschen im Alter bedeutet Generationenpolitik. Daher setzen wir uns für eine Gesellschaft ein, die die demographische Veränderung als Chance für alle Generationen sieht.

2. Vom Anti-Aging zum Pro-Aging!

Altern gehört zur Entwicklung des Menschen, ist Teil unseres Alltags und wird bejaht – bis zum Lebensende.

Eine gute Gesellschaft des langen Lebens braucht eine positive Bewertung des Alter(n)s, ohne dabei die beschwerlichen Dimensionen außer Acht zu lassen oder gar schön zu reden. Dies schließt auch ein, das Lebensende als Teil dieser Entwicklung zu sehen und dabei Menschen gut zu begleiten.

3. Wir brauchen ein mit-sorgendes Netz!

Wir brauchen nicht nur ein ver-sorgendes, sondern auch ein mit-sorgendes Netz. Dazu müssen Menschen – ob hauptberuflich oder im bürgerschaftlichen Engagement – für die verantwortungsvolle Gemeinwesenarbeit motiviert und qualifiziert werden. Diese Koordinationstätigkeit kann nicht zum finanziellen Null-Tarif gelingen.

4. Alltag und Wohnen ins Zentrum rücken!

Auf sich verändernde Ansprüche müssen wir mit neuen Angeboten reagieren. Neue Wohnkonzepte für Menschen mit hohem Pflegebedarf sind hier zentral. Und: Wohnen, das ins Gemeinwesen integriert, das alltags- und bürgernäher organisiert ist.

5. Wir alle brauchen Pflege, von Beginn an bis ins Alter!

Pflegebedürftigkeit ist neu zu definieren. Sie darf sich nicht nur an körperlichen Einschränkungen und Defiziten orientieren, sondern soll Selbständigkeit als Maß der Pflegebedürftigkeit in den Blick nehmen; ebenso wie psycho-soziale, kognitive und kommunikative Dimensionen und Aspekte der sozialen Teilhabe & Gestaltung des Alltagslebens. Und der Ermöglichung eines würdigen Abschieds.

6. Demenz. Ich bin mehr!

Menschen mit Demenz benötigen mehr Freiheit. Das führt zu mehr Individualität, mehr Wohlbefinden und damit auch zu einer höheren Lebensqualität der Angehörigen und Mitarbeitenden. Das bedeutet aber zugleich, dass die Betreuenden – professionelle Mitarbeitende wie Angehörige und das weitere soziale Umfeld – dabei quantitativ wie qualitativ unterstützt werden müssen, diese Freiheit zuzusichern.

7. Hospiz. Recht statt Gnade!

Es braucht einen Rechtsanspruch auf Palliativ- und Hospizversorgung. Für die Finanzierung sind klare Zuständigkeiten und ein echtes Bekenntnis zum Ausbau von Palliativ- und Hospizangeboten im mobilen und stationären Bereich notwendig. Ausreichende und stabile finanzielle Ausstattung ist für die Koordination und Ausbildung der essentiellen Freiwilligennetzwerke unerlässlich.

8. (Aus)Bildung macht den Unterschied!

Wissen ist eine wichtige Grundlage, die demographischen Veränderungen gut bewältigen zu können – sowohl auf individueller Ebene als auch gesamtgesellschaftlich. Daher sind professionelle Ausbildung, Fort- und Weiterbildung sowie niederschwellige Beratung und Informationsweitergabe wichtig und müssen ausgebaut werden. Adäquate Personalschlüssel mit angemessener Entlohnung sind die Basis für qualitative Pflege und Betreuung.

9. Angehörig. Zugehörig

Sich zugehörig und durch Angehörige gestützt zu wissen, sind wesentliche Merkmale der Lebensqualität. Zugleich müssen pflegende Angehörige intensiv und vielfältig entlastet werden – sowie neue sozialräumliche Formen der Unterstützung durch das soziale Umfeld etabliert werden.

10. Und was ist uns das wert?

Ein Umbau des Pflegesystems und seiner Finanzierung sind notwendig, um zukünftig leistbare und gute Pflege möglich zu machen. Neben Geldleistungen braucht es Investitionen in ein breiteres und größeres Dienstleistungsangebot, um die Pflegelücke tatsächlich zu schließen. Außerdem: Pflege lohnt sich! 

70% der Ausgaben in der Pflege fließen via Steuern und Sozialversicherung an die öffentliche Hand zurück!

„Für uns ist es essentiell, über die Bedürfnisse unserer KlientInnen nachzudenken – jetzt und für die Zukunft. Familien verändern sich, Ansprüche und Vorstellungen genauso. Darauf müssen wir reagieren“. Der Ansatz der Diakonie lautet:

Wohnen ist zentral - auch mit Demenz mitten im Leben

„Rücken wir das Wohnen wieder ins Zentrum, in den Alltag und überlegen wir, wie wir die Pflege und Betreuung zusätzlich organisieren“, so Daniela Palk, Expertin für Seniorenarbeit des Diakoniewerks.

Rücken wir das Wohnen wieder ins Zentrum, in den Alltag und überlegen wir, wie wir die Pflege und Betreuung zusätzlich organisieren
Daniela Palk, Expertin für Seniorenarbeit des Diakoniewerks

„Es geht um die Entwicklung von und die Arbeit in Grätzeln, Nachbarschaften oder Wohnquartieren. Vor allem auch für Menschen mit Demenz. Hier müssen sich die Rahmenbedingungen endlich so ändern, sodass Menschen mit Demenz tatsächlich die ihnen zustehende Freiheit leben können“, so Palk.

Hospizbetreuung ist ein Recht

„Hospiz- und Palliativbegleitung muss ein Recht werden“, fordert Petra Richter, von der Hospizbewegung in Kärnten, einen weiteren Punkt ein. „Einen Platz in einem stationären Hospiz, oder auch den Zugang zu einer mobilen Hospizbetreuung zu bekommen entspricht oftmals beinahe einer Gnade. Es sollte aber für alle selbstverständlich sein.“

Deshalb fordert die Diakonie einen Rechtsanspruch für alle auf Begleitung in der letzten Lebensphase, z.B. im Zuge einer Verankerung in der Krankenversicherung. Darüber hinaus braucht es endlich klare Zuständigkeiten in der Finanzierung und eine langfristige finanzielle Sicherung der Angebote. „Die Anzahl hochaltriger Personen wird wachsen, und der Bedarf an Hospiz- und Palliativversorgung wird weiter ansteigen“, betont Richter.

Umbau des Pflegesystems und Finanzierung ist nötig

Die Diakonie fasst ihre Forderungen zur Pflege so zusammen:

Ein Umbau des Pflegesystems und seiner Finanzierung sind notwendig, um zukünftig leistbare und gute Pflege möglich zu machen. Neben Geldleistungen braucht es Investitionen in ein breiteres und größeres Dienstleistungsangebot, um die Pflegelücke tatsächlich zu schließen.

Außerdem: Pflege ist produktiv

„Pflege ist außerdem produktiv“, betont Chalupka. „70% der Ausgaben in der Pflege fließen via Steuern und Sozialversicherung an die öffentliche Hand zurück“.

Alte und pflegebedürftige Menschen dürfen nicht weiter buchstäblich am Rand bleiben, „sie gehören in die Mitte der Gesellschaft“, so die Diakonie. „Deshalb müssen wir uns dringend gesellschaftspolitisch darüber unterhalten, wie wir die Gesellschaft des langen Lebens gut gestalten wollen – und wie wir ein Altern in Würde sichern“, so Michael Chalupka abschließend.